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Marquesas – wo das Land gut riecht und die Pampelmusen süß schmecken

ALYTES in der Bucht Atuona auf Hiva Oa

ALYTES in der Bucht Atuona auf Hiva Oa

Mitten im östlichen Südpazifik liegen die Marquesas. Die Inseln sind fern der üblichen Urlaubsflughäfen und werden daher kaum von Touristen besucht. In erster Linie landen hier Segler wie wir, die von der Westküste Amerikas oder den Galapagos-Inseln kommen. Die Buchten der Hauptinselorte sind gefüllt mit Langzeitzegelyachten, die sich von der Überfahrt erholen, ihren ersten Landgang nach Wochen der Seefahrt genießen und die Vorräte wieder mit frischem Obst und Gemüse füllen. Weiterlesen

Galapagos: You never get a second chance for a first impression

I can entertain no doubt […] that the view […] which I formerly entertained – namely, that each species has been independently created – is erroneous.
– Charles Darwin, On the Origin of Species

Only one English word adequately describes his [Charles Darwin’s] transformation of the islands from worthless to priceless: magical
– Kurt Vonnegut, Galapagos

Vor etwa zwei Jahren wurde Galapagos einer der wichtigsten Orte in der Wahrnehmung unserer Familie. Und das begab sich so: Mina saß zusammen mit mir an der Reling eines Charterschiffs, irgendwo im Mittelmeer. Wir sahen zusammen in den Sonnenuntergang und Mina erzählte mir von einem Film über diese fernen Inseln, auf denen es absolut einzigartige Tiere gäbe. Salz niesende Leguane. Tauchende Vögel. Pinguine am Äquator und zutrauliche Seelöwen. Ich fragte sie, ob sie denn dort einmal hin wolle. Vielleicht in den nächsten Jahren? Die Reise müsste man aber mit dem Boot machen, da das ja sehr weit im Pazifik läge. Jaaa, war die Antwort mit leuchtenden Augen.

Das war der Moment, als Mina auf eine Weltumsegelung wollte. Weiterlesen

Pazifiküberquerung: Ankunft Hiva Oa

Wir sind angekommen!

Nachdem wir gestern Abend bis auf dreißig Seemeilen an Hiva Oa
herankamen, haben wir zunächst den Parasailor eingeholt, um Alytes auf
unter vier Knoten zu bremsen. Also hissten wir einfach nur das Vorsegel
und rollten es bis auf 25% ein. So konnten wir davon ausgehen, dass wir
im Morgengrauen in die Bucht von Atuona / Traders Bay einlaufen würden.

Die Inseln waren wegen des dichten Dunstes am Horizont in zunächst
mondloser Nacht nicht zu sehen. Doch kurz nach der Wachübernahme von
Lukas ging der Mond auf und Hiva Oa zeigte sich als Scherenschnitt am
Horizont.

Ich übernahm kurz vor Sonnenaufgang. Esteban hatte Alytes schon bis auf
sechs Meilen an unseren Zielort gesegelt. Die Insel lag ruhig und
vollkommen lichtlos an Steuerbord. Mit langsamen vier Knoten
plätscherten wir auf die Bucht zu. In den Geruch des Meeres mischt sich
langsam der ein starker Geruch von Blüten, dazu Holz und feuchte Erde.
Die Sonne hebt sich hinter uns und erste Schatten beginnen dem
Scherenschnitt Tiefe zu verleiehn. Sattes Grün taucht auf, tiefes
Schwarz, wo die Wellen gegen die Klippen schlagen. Dazu dieser Duft. Ein
Traum. Alle sind mittlerweile wach, wir machen das Boot für das erste
Ankermaneuver nach 19 Tagen bereit.

Es ist voll in der Bucht. Außer uns liegen 15 weitere Boote hier. Wir
bringen den Heckanker aus, um den Schwojkreis klein zu halten und
genehmigen uns ein schönes Frühstück mit einem panamaischen Balboa für
Lukas, Esteban und Fritze. Mina hat schon ihren zweiten Kakao intus und
Heide bleibt bei Kaffee. Freut sich aber trotzdem riesig.

Sobald wir ein WLAN gefunden haben, gibt es mehr Infos. Bis dahin Grüßen
wir alle Leserinnen und Leser aus Französisch Polynesien.

Alytes Crew

Pazifiküberquerung: Zielgerade

Ein Blick auf unsere Bordcomputer bestätigt unsere Berechnungen: Morgen
werden wir die Marquesas sichten. Im besten Falle können wir noch
nachmittags den Anker werfen. Zur Zeit zeichnet sich aber eher ab, dass
wir erst am späten Abend, nach Sonnenuntergang, vor Ort sein werden.

Da die Navigation wegen Topografie und hoher Ankerliegerdichte nicht
ganz einfach sein soll, werden wir Alytes wohl in der Nacht noch etwas
entschleunigen, um erst am Sonntagmorgen bei gutem Tageslicht vor Anker
zu gehen.

Der Parasailor zieht uns mit sieben bis neun Knoten durch den Pazifik,
zur Zeit auf Position 09°32.6350S, 134°34.978W. Der Wind bleibt, bis auf
wenige Ausnahmen, zwischen 17 und 21 Knoten. Squalls hatten wir in den
letzten Tagen und Nächten nur wenige. Und die zogen mit wenig
Steuerkorrekturen an uns vorbei, ohne uns sehr zu stören.

In den letzten Tagen ging es entspannt wie immer zu. Es hat sich eine
weitere Dorade (1,20 m) zu uns gesellt und sich als Suschi präsentiert.
Den Rest gibt es heute aus der Pfanne mit einem Butter-Wein-Sößchen und
unseren letzten Kartoffeln.

Esteban hat vollkommen unerwartet vier von vier Backgammon-Spielen
verloren. So hieß es dann für ihn (etws hämisch) „Dishi, Dischi,
Dischiiii“. Kleine Katastrophen, mit den auch ich umgehen musste: Im
Domino gegen Mina 2:1 verloren. Auch keine Heldenleistung. Na ja, aus
meiner Perspektive jedenfalls.

Es stellen sich die ersten Möwen und Seeschwalben ein, vielleicht die
ersten Hinweise auf die Inseln? Ansonsten hat sich die Fauna weitgehend
zurückgehalten. Die letzten Delfine hatten wir vor einer Woche Nachts am
Boot, ein Manta hat uns eng vor sieben Tagen passiert (dierekt an der
Oberfläche). Ansonsten nur fliegende Fische in großer Zahl und
Variation, hier und da eine Sepie und natürlich die Fische am Haken.

Langsam schwenken wir nun auf die Vorbereitung des Landfalls ein: Alle
überzähligen Segel werden aus den Standby-Lagern nun unter Deck
verstaut, die Angeln haben wir eingepackt und morgen kommen Dingi-Motor
und Heckanker aus den Stauräumen ans Licht.

Großes Reinemachen (Boot und Crew) folgt erst nachdem wir am Anker hängen.

Bücher:
Lukas: Hundert Jahre Einsamkeit, Marques
Fritze: Europa, warum wir sind, was wir sind, U.B. Peter
Esteban: On the Origin of Species, Charles Darwin

Musik: Playlist „Netter Pop“

Pazifikpassage: Kurzweilige Erlebnisse

Zugegeben, die letzten Nachrichten von uns waren doch ein wenig zu
generisch. Als kurze Lebenszeichen haben sie sicher ihren Zweck erfüllt.
Aber Lesespaß ist vielleicht etwas anderes und wir wollen uns ja auch
noch an das eine oder andere erinnern, wenn wir das Blog in einigen
Jahren lesen.

Anbei gibt es mit „Huevos Revultos“ eine Episode, die wir schon etwas
verkürzt beschrieben haben und eine neue, die allein wegen der Menge an
Blut, verbrannter Haut und Heldentaten spannend sein sollte. Beide
trugen sich auf dem Pazifik zu. Weit weg von jedem rettenden Ufer.

Beginnen wir mit der zweiten. Denn sie ist jünger und enthält keine
Referenzen zu menschlicher Anatomie. Die erste kommt mit dem nächsten
Posting.

Angeln für Fortgeschrittene – oder wie man mit einem Fisch seine Crew
dezimieren kann

Seit einigen Tagen haben wir bereits das letzte Drittel unserer
Überfahrt erreicht. Zweitausend Seemeilen sind geschafft, noch
eintausend liegen vor uns. Zu diesem Zeitpunkt geschehen auf Booten nach
meiner Erfahrung zwei Dinge: Zum einen wird jeder etwas hibbelig, da man
im Geiste die Strände, Bars und Happy-Hours schon zu riechen glaubt. Zum
anderen schaut man besorgt auf den verbleibenden Proviant. In unserem
Fall konkret auf die Huhn und Fleischvorräte.

In Kombination (hibbelig und psychosomatisch verhungert) werden jeden
Tag die Angeln ausgebracht. Mal laut, mal leise schallt es „Fischi,
Fischi, Fischi“ über das Deck. Eigentlich nur unterbrochen vom hämischen
„Dishi, Dishi, Dishi“, das Esteban ruft, wenn Lukas mal wieder eine
Runde Backgammon verloren hat, bei der es um den Abwasch ging.
Gleichzeitig werden die wildesten Theorien aufgestellt: Haben schon
lange keine Exocets (fliegende Fische) gesehen, vielleicht gibt es hier
überhaupt kein Leben im Wasser. Oder: Unsere Köder sind zu klein. Oder:
Wir sind mit unseren acht Knoten zu schnell für die Fische. Oder, oder
oder. Es wird wieder klar, warum sich gerade bei Seeleuten so viel
Aberglaube entwickeln konnte.

So kam es nun, dass wir mit achteinhalb bis neun Knoten über die Wellen
rasen. Für Alytes schon sehr schnell. Vor ein paar Stunden hatten wir
beim Surfen mit 16,4 Knoten fast schon unseren Rekord von 17 erreicht.
Der Parasailor steht perfekt. Es bläst mit zwanzig Knoten.

Plötzlich das reißende Schnarren der Angel. Die Bremse ist leicht
eingestellt, zügig rauschen 30, 40 und 50 Meter durch. Ich renne hin.
Bremse festzurren. Das Biest zieht weiter. Alytes zieht in die andere
Richtung. Wieder 10, 20, 30 Meter. Die Rolle leert sich alarmierend
schnell. Klar ist: Wenn sie am Ende ist, wird sie vermutlich reißen und
wir verlieren viel Leine, Köder und natürlich den Fisch. Also mein
Hilferuf: Können wir Speed aus dem Boot nehmen? OK, höre ich. Und die
drei anderen machen sich daran, den Parasailor bei zweiundzwanzig Konten
zu bergen. Eigentlich hätten wir tauschen müssen: Fritze ins
Parasailor-Team, einer der Jungs an die Angel. Vielleicht war es der
Trennungsschmerz, der nach dem Verlust von fünf Ködern am Anfang unserer
Passage noch immer in meinem Herzen bohrte. Trotzdem falsch. Egal. Ich
also an der Angel. Klassischer Kampf: Eine Welle schiebt den Fisch
heran, die Angel hochreißen, drei Meter Leine aufnehmen. Der Fisch
zieht, vier Meter Leine sind wieder von der Rolle. Hoffen.

Da geht von links plötzlich die Sonne auf, so scheints. Und Schreie
gellen über das Deck. Ein riesiges gelbes Licht schiebt sich in mein
Gesichtsfeld. Der Parasailor. Sonst ist diese fröhliche Farbe immer ein
Quell der Freude an Bord. Aber hier sollte sie nicht wehen. Denn sie ist
viel zu weit achtern. Darunter scheint eine Figur zu hängen. Aus dem
Augenwinkel sehe ich Lukas etwa eineinhalb Meter Höhe an der Bergeleine
des Parasailors hängen. Zum Glück noch überm Deck. Er lässt los. Das
Segel bläht sich auf, der Bergeschlauch rutscht hoch. Wieder ein Schrei,
diesmal von Heide. Sie lässt beide Niederholer los, da nun 22 Knoten an
145 Quadratmetern leichtem Tuch zerren. Trotz der Belegung auf den
Winschen nicht zu halten. Dank der von Ihr eingesetzten Achterknoten
rauschen die Leinen nicht komplett aus. Der Parasailor steht also wieder
prima. Nur leider in acht Metern Höhe (Unterkante) und vier Meter neben
der Bordwand. Die Bergeleine hängt ebenfalls außer Reichweite über dem
Wasser.

Esteban pustet sich in die Handflächen. Denn die Leinen sind auch durch
seine Hände gegangen und er hat etwas zu spät losgelassen. Lukas sieht
dankbar und ungläubig auf seine. Es riecht nach verschmortem Autoreifen
und gebratenem Fisch. Glücklicherweise hatte er ein paar dieser
Schutzhandschuhe aus Baumwolle und Gummi an. Damit wollte er eigentlich
den Fisch aus dem Wasser ziehen, jetzt haben sie seine Handflächen gerettet.

Missmutig stecke ich die Angel in die Halterung und sage schon mal still
dem Fisch adieu. Schnappe mir die Winsch, auf der die Steuerbordschot
des Parasailors als letzte noch belegt ist. Winschen bis der Ballon
längsseits und erreichbar ist. Ran an die Holeleine des Bergeschlauchs
und kräftig gezogen. Ein wenig gehts, dann ist Schluß. Esteban ist zur
Stelle , er hat bemerkt, dass ich mich gegen die andere Seite der
Holeleine abmühe. Die hat sich in einem anderen Tau verheddert. Schnell
zuzelt er das Ganze auseinander und nun geht es recht zügig. Der
Parasailor ist im Schlauch gebannt, Heide, Tebbi und Lukas bergen ihn
nun in unseren „Segelraum“.

Wieder zum Fisch. Zerren und kämpfen. Drei Meter, vier Meter, er ist
noch dran und er ist schlapp. Lukas ist mit Rettungsweste, Gaff und
Sicherheitsleine zur Stelle. Er pickt sich ein und gemeinsam fiebern wir
dem Fisch entgegen. In einer Welle zeigt er sich dann: Ein ziemlicher
Brocken, schillert dunkelsilberblau und bewegt sich schon wie ein
richtig großer Fisch. Noch einige Meter, Lukas packt zu und holt ihn
raus. In wenigen Sekunden steckt eine Klinge in seinem Hirn (nicht
Lukas, dem Fisch) und das Leiden ist vorüber.

Ein 1,67 Meter „Spearheaded Billfisch“ (in einem nächtlichen Posting
hatte ich ihn – glaube ich – falsch benannt. Unser Fischführer sagt
„good taste and good commercial value“. Das ist so eine zwei minus…

Lukas macht sich tapfer und bald schon routiniert ans Ausnehmen. Ich
enthäute die eine Seite, er beginnt mit der anderen. Aus der Küche höre
ich dann ein „Mist“ oder so. Blut spritzt. Lukas hat sich mit dem schön
scharfen Fischmesser in den Finger gesäbelt. Also kommt unser guter „Sea
Doc Sailor 2″ zum Einsatz. Schön säubern, desinfizieren, Druckverband
und „Melanie“ das Superpflaster drüber.

Esteban hat von Heide derweil Brandsalbe für die Flosse bekommen und ist
schon wieder fit. Ich mache also den Fisch zuende fertig. Die Ausbeute
sind über zwanzig Steaks und vier gute, dicke Fillets aus dem Schwanz.
Zwei Stunden später sitzen wir bei gegrilltem Fisch und Estebans
großartigem Risotto zu Tisch und grinsen. Alles gut gegangen. Der
Parasailor ist wieder draußen, wir fahren über sieben Knoten auf Hiva Oa zu.

Beim nächsten Mal eine unserer (mittlerweile vielen) „Lessons Learned –
The Hardway“:

Huevos Revultos
– oder Warum man bei Seegang keinen Klettergurt als Zweitsicherung im
Mast tragen sollte

Pazifikpassage: Endspurt

Es geht voran.

In Annäherung an die Marquesas dreht der Wind langsam von seiner
ursprünglichen SO-Richtung nun auf SOO. Für uns ein Segen, da wir
endlich das ohnehin etwas angeschlagene, nur im 3. Reff stehende,
Hauptsegel herunternehmen können und unser Vorsegel durch den 145qm
Parasailor ersetzen. Ein Traum.

So segeln wir mit über acht Konoten Fahrt bei 18 Knoten Wind auf
Position 9°02.979S, 127°16.862W. Die Geschwindigkeit macht Riesenspaß
und wir freuen uns, dass unsere Navigationscomputer einstimmig eine
Resreisezeit von unter vier Tagen errechnen. So werden wir wohl am
Samstag, zwischen 9:00 und 14:00 Uhr Ortszeit ankommen.

Auch sonst ist alles an Bord prima. Das Fischen macht besonderen Spaß.
Heute hat bei knapp neun Knoten (unser Rekord war bisher 16,4 eine Welle
runter) ein 167cm „Spearheaded Billfish“ (wie auch immer der in DE
genannt wird) angebissen. Zwei Stunden später, nach Kampf und Blutbad
lagen dann gegrillte Steaks mit argentinischem Risotto auf den Tellern.
Die nächsten drei Tage werden wir uns um das Essen wohl keine Sorgen
machen müssen.

Mina ist noch in den letzten Zügen, das Material für die dritte Klasse
zu beenden. Gerade hat sie (nach schwierigem Start) die Division großer
Zahlen mit Rest gemeistert. Noch eine kleine Mathe-Arbeit und dann
schwenken wir langsam ins nächste Jahr ein. Sommerferien haben wir ja
nicht (dafür hatten sie gerade Galapagos-Ferien).

Wir melden uns wieder, wenn die Marquesas in Sicht kommen,
Fritze und die Crew

Buch: Die vereinigten Staaten von Europa, Oliver Janich
Musik: Ukulele, selbst gespielt

Kurz vor dem Bergfest

Nachdem die Ursachen für unsere kleinen Herausforderungen im Mastkopf
gefunden wurden, segeln wir mit beständigen Passatwinden gen Südwest. An
Bord hat sich eine ruhige, pazifische Routine eingestellt.

Mina geht Riesenschritte in Richtung des Schuljahresendes, Lucas und
Esteban haben im Backgammon mit hohen Einsätzen (etwa: der Verlierer
macht den Abwasch, der Verlierer muss den gerade entdeckten jedoch vier
Tage alten fliegenden Fisch vom Netz ins Wasser befördern) einen
Zeitvertreib gefunden. Immer wieder hören wir die Schreie desjenigen,
den die Würfel gerade hart bestraft haben.

Die Bordmäuse freuen sich an dem frisch gereinigten Käfig, sind aber ein
wenig überrascht, als sie rüde von einem Schwall einbrechenden
Seewassers an ihre Umgebung erinnert werden. Esteban hatte vergessen
Minas Luke zu schließen, als er einen Eimer über das Deck ausleerte.
Übermotiviert nennen Fußballkommentatoren das wohl beim Kicken. Schön,
dass sich zumindest einer so ins Deckschrubben hereinsteigert.

Die See bringt uns dagegen selten Wasser an Deck. Zwar sind für morgen
Wellen von knapp vier Metern vorhergesagt, aber bisher sehen wir davon
nichts. Es sind eher die üblichen zweieinhalb.

Der Mond ist zur Zeit hell und fast voll. Auch die Nachtwachen sind
daher angenehm zu segeln. Gestern hatten wir dazu wieder einmal das
seltene Glück, nachts von Delfinen begleitet zu werden. Ihre schnellen
Manöver ziehen leuchtende Spuren durch das mit luminiszierendem Plankton
satte Wasser; bei jedem Ausstoß von Atemluft eine kleine, blaugrüne
Explosion im Wasser. Großartig.

Dann auch immer wieder mal nächtliche Gäste an Bord. Neulich hatte eine
unaufmerksame Möwe unser Vorsegel erwischt und ist überrascht auf das
Netz gestürzt. Netterweise hat sie sich dazu auch noch erbrochen. Wir
fanden zu den üblichen frischen fliegenden Fischen auch einen weißlich
anverdauten aus dem Kropf des Tieres. Aber wie wir im Ruhrgebiet sagen:
Gut gekotzt ist halb gefrühstückt. Die Möwe war nach zwei Stunden wieder
fit und hat uns vor Sonnenaufgang wieder verlassen.

Nach den anfänglichen Schwierigkeiten beim Angeln geht es mittlerweile
recht gut voran. So gab es in den letzten Tagen bereits dreimal Fisch.
Meist beißen schillernd-goldene Doraden, wir hatten aber auch schon
einen kleinen Wahoo am Hagen. Zu klein zum Essen leider, so ließen wir
ihn wieder frei.

Nun segeln wir zur Zeit auf Position 7°21.680’S und 112°10.558’W bei
vierzehn Knoten Wind mit sechseinhalb bis sieben Knoten durch den
Pazifik. Warum so langsam? Nachdem wir uns sicher sind, dass erneut
durch einen Schäkel hervorgerufene Grate am Mastkopf unser Großfall
durchsscheuern, haben wir uns entschlossen, die ersatzweise Dirk als
Großfall einzusetzen. Sie wird durch eine andere, unbetroffene Rolle, im
Mast geleitet. Da sie aber nicht, wie unser Großfall, als Flaschenzug
geführt wird, wollen wir das Großsegel nur im dritten Reff fahren. So
verhindern wir, dass zu viel Last auf die Dirk wirkt und wir sie
gegebenenfalls auch verlieren. Zur zeit führen wir demnach unseren
Genaker und das Großsegel im dritten Reff. Je nach Wind bringt uns das
zwischen sechs und acht Knoten. Genung, um in der geplanten Zeit mit
genug Proviant und Wasser unser Ziel zu erreichen. Der Bordcomputer
weissagt uns etwa noch zehn Tage bis Hiva Oa.

SNAFU*: Pazifikpassage, 23.04.-25.04.

SNAFU*: Pazifikpassage, 23.04.-25.04.

Der 23.04.2015 hat für uns prima angefangen. Unser Code Zero Vorsegel
steht prima, wir fahren etwas südlicher als den direkten Kurs aber
machen zwischen sieben und neun Knoten Fahrt.

Die solide Ausbildung hat sich für Lukas gelohnt. Gegen Mittag beißt
eine weitere Dorade. Wieder ein Männchen. Der Kampf beginnt und dauert
etwa 15 Minuten. Manchmal hört man ihn zwischen den Flüchen ein „der ist
aber auf jeden Fall kleiner“ zischen. Die Angel hält er nun eher an die
Treppe geklemmt, da sein Unterleib wohl von der letzten Dorade noch
etwas lädiert ist. „Maricon“, wie Esteban leise sagen hören.

Aber nach einigen ordentlichen Zügen ist es geschafft: Wir ziehen einen
1,01 m Doradenmännchen aus dem Ozean. Nach Sashimi und Ceviche gibt es
heute also Filets und ein Fisch-Wok. Denn wir haben noch eine gute Menge
an Gemüse an Bord und essen prima.

Wir segeln zügig mit knapp acht Knoten unter Vollzeug durch den sonnigen
Tag. Der Wind bläst stetig mit etwa fünfzehn Konten, die Wellen sind mit
etwa zwei Metern ganz zivil. Dann ein dumpfer Schlag, ein Rauschen und
ein Warnruf Heides, die gerade am Steuer sitzt.

Wir stürmen an Deck und sehen, dass das Großsegel komplett nach unten
gerauscht ist. Heide behält Nerven und Kurs. Alytes fährt mit sechs
Knoten am Code Zero weiter auf die Marquesas zu. Kurzes Innehalten,
schnelle Einschätzung von Schaden und Risiko.

Das Großfall scheint im oberen Teil gerissen zu sein. Das Segel liegt
zwar etwas ungeordnet im Lazybag, scheint aber unbeschädigt. Risiken
gibt es keine, denn Wind und Welle sind nicht brutal. Wir verstauen
zunächst das Segel, um ein auswehen zu verhindern. Da die Welle an Deck
gerade weiterhin wenig hoch erscheint, entscheiden wir uns, die
Situation im Mast zu begutachten. Also steigt Fritze in den
Bootsmannstuhl und ein Klettergeschirr zur Absicherung. Heide bediehnt
die Elektrowinsch, an der wir den Bootsmannstuhl über die Dirk befestigt
haben und Lukas sichert das Klettergeschirr über das Spifall.

Im Mast zeigt sich nur, dass das Großfall offenbar durchgescheuert ist.
Wir hatten ähnliche Probleme schon in der Vergangenheit. Zwei Rigger
(Martinique und Panama) hatten Korrekturen am Flaschenzug und am Rigg
vorgenommen, wir selbst dazu einige scharfe Grate im Mastkopf
glattgeschliffen und poliert. Über drei Monate waren keine Schäden
aufgetreten. Nun also wieder. Oder war es eine andere Ursache?

Da das Großfall der Lagoon 400 als Flaschenzug ausgeführt ist, haben wir
einen Teil des Falls noch oben hängen. Der untere Teil ist aber im Mast
verschwunden. So sind wir also etwa 750 Seemeilen von Galapagos entfernt
und haben unser Großsegel verloren. Ein Segler-SNAFU.

Wir entscheiden uns, das ganze zu Reparieren. Mit einer dünnen
Spectra-Leine und einem Drop-Shot-Gewicht aus unserer Angelausrüstung
geht es wieder in den Mast. Lukas lauert mit einem um einen Angelhaken
ergänzten Schraubenzieher an der Austrittsöffnung für das Fall in 2,5
Metern im Mast. Ich erinnere mich derweil oben im Mast an die
Hebelgesetze, die ich in der neunten Klasse in Physik verschlafen habe.
Zwei Meter Welle unten an Deck bedeuten in knapp 20 Metern Höhe eine
ordentliche Bewegung. Während mit Alytes also gehörig Verprügelt und ich
mich wie ein Koala an den Mast klammere müssen Leine und Gewicht etwa 10
cm über eine Rolle in den selbigen geworfen werden. Beim dritten Anlauf
klappt es. Langsam, mit Händen und Zähnen, lasse ich das Gewicht
herunter. Lukas schafft es tatsächlich, es mit dem Angelhaken zu packen
und die Truppe unten näht das Fall an die Führleine.

Oben schaffe ich es nicht, die dünne Leine mit dem Fall hochzuziehen.
Die Prügelei ist nun doch recht hart und ich werde Müde. Also runter und
die Leine mitgenommen. Heide übernimmt und zieht das geölte Fall durch
den Mast und wieder hinunter. Geschafft! Es geht ein weiteres Mal in den
Mast, um das nun durchgezogene Tau oben wieder zu befestigen. Mit Hängen
und Würgen klappt auch dieses Manöver. Wir sind, nach knapp zweieinhalb
Stunden wieder im Rennen.

Unser Segel werden wir allerdings nur noch im ersten Reff oder kleiner
fahren, da wir aus der Vergangenheit wissen, dass das Fall so nicht
scheuert. Ein wenig traurig ist das schon, denn das Reff sorgt für einen
Geschwindigkeitsverlust von etwa einem halben Knoten.

Egal. Wir belohnen uns mit Bier und (für Heide) einem moderaten
Cocktail. Eineinhalb Kilo der Dorade werden müde in die Pfanne gehauen
und genossen.

Mina freut sich, dass Mathe und Englisch ausgefallen sind. Statt dessen
verschlingt sie einen weiteren Band der „Legende der Wächter“.

Ein Seglertag halt…

Heute, am 26.04.2015 segeln wir um 14:38 h UTC auf der Position
5°22.044′ S, 102°24.597′ W.
Alle sind bester Laune, gleich gibt es Sonntagsfrühstück mit Rührei,
Speck und gebackenen Tomaten. Später Bananenkuchen. Denn Bananen haben
wir staudenweise.

Musik: Yasmine Hamdan, Ya Nass; Drowning Pool: Bodies (wiederholt)
Bücher:
Lucas: George Orwell, 1984
Mina: Die Legende der Wächter

*SNAFU = Situation Normal, All Fucked Up