Galapagos: You never get a second chance for a first impression

I can entertain no doubt […] that the view […] which I formerly entertained – namely, that each species has been independently created – is erroneous.
– Charles Darwin, On the Origin of Species

Only one English word adequately describes his [Charles Darwin’s] transformation of the islands from worthless to priceless: magical
– Kurt Vonnegut, Galapagos

Vor etwa zwei Jahren wurde Galapagos einer der wichtigsten Orte in der Wahrnehmung unserer Familie. Und das begab sich so: Mina saß zusammen mit mir an der Reling eines Charterschiffs, irgendwo im Mittelmeer. Wir sahen zusammen in den Sonnenuntergang und Mina erzählte mir von einem Film über diese fernen Inseln, auf denen es absolut einzigartige Tiere gäbe. Salz niesende Leguane. Tauchende Vögel. Pinguine am Äquator und zutrauliche Seelöwen. Ich fragte sie, ob sie denn dort einmal hin wolle. Vielleicht in den nächsten Jahren? Die Reise müsste man aber mit dem Boot machen, da das ja sehr weit im Pazifik läge. Jaaa, war die Antwort mit leuchtenden Augen.

Das war der Moment, als Mina auf eine Weltumsegelung wollte.

Nun näherten wir uns  endlich den heißersehnten Inseln. Gerade noch waren wir über den Äquator geschwommen, nun sind wir im ernsthaften Vorbereitungs-Modus. Heide hat eine Liste von zu erledigenden Aufgaben erstellt; die muss nun abgearbeitet werden: Ich tauche ein letztes Mal das Unterwasserschiff ab. Es muss absolut sauber sein, damit wir keine Organismen einschleppen. Die spärlichen Vorräte von Grünzeugs müssen über Bord. Wir werfen nur die ohnehin eher schrumpeligen Sachen weg, beim Rest lassen wir es drauf ankommen. Gleiches gilt für Wurst, Käse, Eier und dergleichen. Mina malt Schilder für die Mülltrennung und für die Toiletten. Lukas schrubbt das Deck ein letztes Mal, damit niemand auch nur auf die Idee kommt, dass wir hier sechsbeinige blinde Passagiere an Bord haben könnten. Die Mäuse werden shamponiert, gekämmt und bekommen eine Schnurrbartpflege. Ihr Käfig wird blitzblank geputzt. Die Gesundheitszeugnisse liegen bereit. Wir sprühen nochmals alle Hohlräume aus, um jedwedes Flugwesen und Krabbeltier ins Jenseits zu schicken.

Am frühen Morgen taucht San Christobal auf. Wir segeln in einer müden Morgenbriese langsam am Kicker Rock  in Richtung Puerto Agora vorbei. Die Sonne geht auf, taucht die Insel durch eine explodierende Wolkenschicht in warmes Licht. Eine gute Begrüßung nach knapp siebentägiger Seereise. Es ist Estebans Wache. Ich sitze mit Ihm am Steuerstand und wir genießen die Show. Ein leiser Wind trägt zudem Land- und Küstengerüche zu uns. Muscheln, Tang, Erde, Diesel, Staub. Die anderen stecken nun auch die Köpfe aus den Kojen.

Als wir um das Kap segeln, welches die Bucht von Ayora südlich abgrenzt, ein erstes Stirnrunzeln. In der Bucht einige ziemlich abgewrackte Seelenverkäufer. Ein Tanker voller Bewuchs liegt vor Anker, ein Ruß hustendes – früher mal weißes – Allzweckschiff humpelt mit leichter Schlagseite und verdrecktem Rumpf von einem rostigen Frachter Richtung Landungsbrücke.

Südamerikanische Versorgerrealität: Die Rußschleuder bringt Güter von Frachtern an Land

Südamerikanische Versorgerrealität: Die Rußschleuder bringt Güter von Frachtern an Land

Hinten in der Bucht dümpelt eine Barke mit sechs Tankanhängern. Deren Erhaltungszustand variiert von OK bis Schrott. Irgendwas tropft vom Deck der Barke. Weiter steuerbords stapeln sich etwa 100 Kühlschränke direkt am Ufer. Zur Abholung? Zur Lagerung? Ein knatterndes Müllboot reißt uns aus den Gedanken.

So kann man Diesel für die Inseln natürlich auch lagern.

So kann man Diesel für die Inseln natürlich auch lagern.

Wir sehen uns etwas ratlos an. Das passte nicht zu den Checklisten, den Umwelt- und Parkgebühren und auch nicht zu den sechs Offiziellen die uns später prüfen sollten. Drei von denen kamen von Parkverwaltung und Umweltministerium. Es sah eigentlich aus, wie überall in Mittelamerika.

Auch auf den anderen Inseln war es nicht besser. In Santa Cruz schmeckte das Wasser am vollen Ankerplatz nach Diesel und ließ einen wenig pflegenden Film auf der Haut zurück. Hier werden die Yachten mit Diesel beliefert. Immer nachts, immer aus Kanistern die per Siphon in die Tanks entleert werden. Es ist praktisch unmöglich, kein Treibstoff überlaufen zu lassen.

Auf Isabella, der Insel mit den wenigsten Einwohnern, trieben uns am Ankerplatz Maschinenölflaschen und Sixpack-Verpackungen um das Boot. Wir ziehen hilflos Plastiktüten und Tetrapacks aus dem Wasser. Dazwischen jagen Pinguine und Blaufußtölpel.

Treibgut am Ankerplatz von Isabella

Treibgut am Ankerplatz von Isabella

Wir suchen uns einen Ankerplatz und sehen uns die Bucht mit dem Fernglas an. Da liegen eine Reihe Segelboote, aber auch Sportfischer und größere Passagierschiffe. Gerade die kleineren Boote sehen seltsam verrammelt aus. Hier sieht man gespannte Netze, dort sogar Stacheldraht an der Reling. Diebe? Piratenabwehr? Für die Vorbereitung der Somalia-Passage sind wir noch zu weit östlich. Was ist hier los, fragen wir uns. Mina blinzelt durch das Fernglas. „Hey, dahinten bewegt sich was auf dem kleinen Fischerboot“. Wir schauen alle durch das Glas. Mina nimmt sich das zweite. „Das sind Seelöwen!“. Tatsächlich: Auf dem Boot liegen zwei stattliche Seelöwen. Auf einigen anderen auch. Ein RIB ist unter der Last fast untergegangen. Der Stacheldraht scheint nicht überall zu wirken, denn auch auf den Festungsbooten liegen die Tiere. Und vom Ufer hören wir ab und zu ein herrliches Gebrüll.

Heide ruft unseren Agenten an. Der mobilisiert die Offiziellen, damit wir geprüft werden und an Land können. Das ganze geht auch recht zügig von statten. Die Taucherin gibt einen „Daumen hoch“ und nach einem kleinen Vortrag zu Mülltrennung (das wir das als grüngepunktete Deutsche nochmals erleben dürfen ;)) sind wir klar für Ecuador und Galapagos. Steve, der Vertreter unseres Agenten Ricardo, scheint neu im Job. Bei der Abrechnung müssen wir oft nachfragen, am Ende ist der von uns zu zahlende Betrag 300 USD kleiner als der von ihm verlangte. Aber genauso hoch wie der von Ricardo angebotene. Latin America halt…

Wir wollen an Land, wollen Pizza, oder Gallo Pinto oder was auch immer Galapagos zu bieten hat. Also in ein Wassertaxi gestiegen, da es unmöglich ist, per Dingi an Land zu kommen. Am Anleger erwarten uns wieder die Seelöwen. Faul liegen sie in den Ecken, die einzige Herausforderung ist die Frage, wohin man seine Arme / Brustflossen legen soll. Denn von dem runden Körper rutschen die immer herunter, wenn man seinen Wanst in die Sonne legt. Wunderbar, ein echter Lebensentwurf.

An Land schon wieder eine Überraschung: Die erste Reihe der Häuser sieht noch gut aus, aber eben immer wieder Bauruinen, freie, zugewucherte Parzellen, überall haben sich die bunten Plastiktüten der beiden Supermärkte verfangen. Mann, Leute! Denken wir. Sicher empfanden wir die seichte Vermüllung schlimmer, da wir durch die ganzen Regularien und Gebühren eher auf klinische Öko-Verhältnisse eines deutschen Schlossparks eingestellt waren. Natürlich Quatsch, trotzdem schade.

Aber genug des Jammerns. Wie es sich für ein paar ordentliche Reisende gehört, freuen wir uns zu sehen, wie andere mit den gleichen Problemen umgehen, die uns auch zu Hause umtreiben: Wie kann man also eine Region so nutzen, dass ihr – hier ökologischer und wissenschaftshistorischer – Wert erhalten bleibt und die hier wohnenden Menschen trotzdem ein Leben aufbauen können. Ein Gegensatz, der wohl jedes Nationalpark-Management, ob in der Rhön, der Eifel oder im Yellowstone lösen muss.

Für die Inseln gibt es also eine Parkgebühr und dazu eine Verordnung, die regelt, dass man nur sehr wenige Orte außerhalb der Siedlungen an Land ohne einen Führer besuchen kann. Gleiches gilt für die Küste. Alles, aber auch alles muss mit einem Guide gemacht werden. Und selbst wenn man mit einem offiziellen Tauchboot auf Exkursion geht, begleitet ein „Naturalist“ das Boot um sicherzustellen, dass keine illegalen Taucher am Ort sind und die begleiteten keinen Mist bauen. Der will genau so bezahlt werden wie die mindestens zwei Crew-Mitgleider für das Boot. Das macht alles teuer, das sorgt aber auch für Geld auf den Inseln. Und Jobs für die Bewohner. Nach langem Hadern über das zunächst als „modernes Wegelagertum“ wahrgenommen Vorgehen sehen wir aber, dass man nur so wirklich die Besucherzahlen bei hohen Einkommen niedrig halten kann. Und wenn man sich die schönen Orte der Insel ansieht, die Tiere, die einzigartigen Pflanzen, dann ist klar, dass man das nur erhalten kann, wenn möglichst wenig Menschen vor Ort sind. In diesem Fall würden die eher reich sein.

Mit einem Student und einem Sozi an Bord kommt man trotzdem oder deshalb ins Grübeln. Wir haben ein wenig diskutiert, wie man das Privileg eines Besuchs also demokratisieren kann. Ob unsere weinseligen Ideen von Gebührenreduktionen für Studierende, Zugangslotterie und ähnliches zur Anwendung kommen werden, steht wohl in den Sternen.

Was bleibt ist der Eindruck, dass trotzdem zu viele Menschen auf den Inseln sind: Etwa 15.000 auf St. Cruz, 7.500 auf San Christobal und 2.500 auf Isabella. Mehr Tourismus, mehr Einwohner, mehr Müll, mehr Landschaftsverbrauch. Vielleicht auch mehr Steuern. Die bewohnten und von uns besuchten Inseln stehen als empfindliches Schutzgebiet auf der Kippe. Vielleicht sind sie auch schon darüber hinaus. Bleibt die Hoffnung, dass dieses Opfer zumindest die anderen Inseln des Archipels vor Schaden bewahrt. Die Antwort mag die Regierung Ecuadors kennen.

Die weiteren Posts zu Galapagos werden schwärmerischer. Versprochen!

Bücher:
Kurt Vonnegut, Galapagos
Die Bibel, Genesis
Charles Darwin, On the Origin of Species

3 Gedanken zu „Galapagos: You never get a second chance for a first impression

  1. Stefan

    Hallo Ihr Weltenbummler,

    mal ein anderer Bericht über Galapagaos, danke für diese Sicht.

    Wir sind inszwischen auf den Azoren gelandet, es geht uns gut!

    Macht so weiter ihr drei
    die ANNEs

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    1. Heide

      Hallo ANNEs!
      Schön von Euch zu hören. Wir sind noch auf den Marquesas. Gestern ist die hapa na sasa zu uns gestoßen und wir hatten ein schönes Wiedersehen. Vermissen Euch und wünschen Euch eine angenehmen Törn zurück nach Europa. LG, Heide, Mina und Fritze

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  2. Ingo Kreipl

    Hallo Alytes,
    bin weiterhin von den schönen Berichten Eurer Reise fasziniert.
    Die SY-Anne, mit Stefan, Nette, Neele, Lasse und Torge, hat heute nach 16 Tagen, 1900sm und 10 Tag unter Motor seit den Bermudas gut die Azoren erreicht. Auch deren Berichte, wie auch die der SY hapa na sasa verleiten zum Träumen ;-).
    Trefft Ihr auf den Marquesas auch Roberto (so hieß er doch oder?) von der Lagoon mit seinen Töchtern und Chris? Freue mich schon auf Eure nächsten Berichte.
    LG.,
    Ingo

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