Atlantiküberquerung (07.12.2014): Zielpsychose und die Rückkehr des Konjunktivs

Endlich ist sie da, die Flaute. Wir hatten schon begonnen, an den
Wettermodellen zu zweifeln. Nun ist also unser Glaube an die vermutlich
sündhaft teuren Wetterprognosen gestärkt, aber wir stecken im Leichtwind.
So kurz vor dem Ziel.
Schon besuchen uns die ersten braunen, kleinen Vögel, nachdem wir bisher
nur weiße große gesehen haben. Finkenartig flattern sie um unser Boot.
So nach am Ziel.
Schon meinen die ersten von uns, zwischen dem Seetang auch Gras treiben
zu sehen.
Wir sind fast da.
Verdammt. Warum jetzt Schwachwind? Auch auf den Positionsreports sieht
es so aus, als würden uns Hinz und Kunz überholen.
Riecht schon jemand die Coladas?

Kein Zweifel, wir leiden unter Zielpsychose. Meist zeigt sie sich als
eine Form der bipolaren Depression mit einigen heftigen
Wahnvorstellungen. Bei denen, die das ganze schon mal durchgemacht haben
(Ingo, Fritze) verläuft es etwas glimpflicher. Heide ist ohnehin
entspannt und symptomfrei. Aber Mina hat sich schon so auf die Ankunft
gefreut. Und Janne will auf Barbados Freunde treffen. Nichts macht die
Psychose schlimmer als die Aussicht auf einen einmaligen Termin (wie
gute Freunde auf Barbados treffen). Die Persönlichkeit schwankt von
Freude, Optimismus und Euphorie in Richtung Depression und Verzagtheit.
Minütlich, mit jeder Regung des schlaffen Windes. Mit jeder Veränderung
seiner Geschwindigkeit oder des Winkels. Aber er schlägt sich wacker und
bleibt der angenehme Typ den wir kennen und lieben gelernt haben.

Ich fühle mich sehr an die letzte Querung erinnert, als mich das gleiche
Schicksal ganz ohne Terminaussichten traf. Man war so kurz vor St.
Lucia. Und nun wollte dieser unfähige Skipper auch noch eine komplexe
Halse machen, nur damit er Martinique ausweichen konnte. Landmassen sind
doch vollkommen überbewertet. Denkt denn niemand an mich? Ich brauchte
dringend WLAN und ein Drink und festen Boden unter den Füßen. Tja. So
trifft es vermutlich die meisten. So kurz vorm Ziel.

Aber es gibt eine weitere Wendung. Mina, die unser ruhrgebietstypisches,
schnörkelloses Deutsch gewohnt ist, verdreht die Augen ein ums andere
Mal. Der Konjunktiv ist da. Und zwar I und II. Mit allem drum und dran:
Modalverben, die gern auch ein Voll- UND ein Hilfsverb dabei hatten.
„Wären wir früher gen Süden gefahren, könnten wir nun vermutlich zwei
Knoten mehr aufs Ziel schaffen“.
„Wir hätten anluven können. Wir würden dann wohl kaum in der Flaute sitzen“.
Hätte, hätte, Herrentoilette. Oder auch „Could have, would have, should
have“ (übrigens ein schönes Zitat aus meinem Viertlieblingsfilm
„Zombieland“)

Nun, wir Erwachsenen erfreuen uns am neuen Sprachstil, Mina rollt mit
den Augen und will Iceage 3 sehen.
„Mama, darf ich?“
„Hätten wir nicht so viel Strom gespart, wäre nun die Batterie des
Notebooks knackvoll. Also: Nein.“
Augenrollen.
„Wie stehts mit dem iPad? Zocken?“
„Wäre Dein Vater so klug gewesen, die Karibik-Karten für unser Navi zu
kaufen, würdest Du in naher Zukunft auf dem iPad spielen können.“
Hat er aber nicht, so brauchen wir das iPad für die Anfahrt der Inseln.
Mehr Augenrollen.
„Nun gut, zum Glück wurde ein weiteres iPad gekauft, so stünde einem
fröhlichen Spiel nichts entgegen. Aber es wurde ja am Strom gespart, um
noch mehr Diesel zu haben, was uns in der Zukunft mehr Optionen böte.“
Mina geht mit den Mäusen spielen.
Die Biester hat sie selbst gefüttert und die sind ohne Batterie
einsatzbereit.

Tatsächlich könnte dieser Beitrag unter Einfluss einer Zielpsychose
geschrieben worden sein, der Autor wäre dann geistig beschränkt und den
Worten wäre kein Glauben zu schenken.

Allen geht es gut, wir freuen uns auf den Landfall.

Buch: Schülerduden Grammatik
Musik: The Residents

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