Atlantiküberquerung (07.12.2014): Ankunft

Während Ingos Wache zeigen sich die ersten Lichter Martiniques in der Nacht. Heute werden wir die Ziellinie überqueren.
– Brad „Iceman“ Colbert, Generation Kill

Als Ingo von Janne um 06:00 UTC die Wache übernimmt, ist es im Westen noch stockdunkel. Doch schon nach kurzer Zeit kündigt ein Schimmer am Horizont die ersten Zeichen von Zivilisation an. Noch strahlen sie den diesigen Himmel an, ohne direkt sichtbar zu sein. Eine weitere Stunde und Ingo sieht die ersten wirklichen Lichter – vermutlich von Vauclin – über die Kimm wandern. Dickes Grinsen wird ihm nachgesagt, obschon er dem Moment in trauter Einsamkeit verbringt.

Als ich um 09:00 UTC Ingo wiederum ablöse (es ist in „unseren“ Breiten noch immer stockdunkel) ein Gefühl großer Freude und auch ein wenig Erleichterung. Wir haben es praktisch geschafft. Alles andere wird ein Kinderspiel werden und größere Risiken sind kaum noch zu erwarten. Wir sind in Landnähe.

Ein letztes Mal geht die Sonne hinter uns im Osten grandios auf. Die Lichter verlöschen und Martinique zeigt sich in ihrer ganzen Schönheit. Mit starkem Relief ragen zum Teil recht hohe Berge in den blauen Himmel. Sattes Grün bedeckt die Hügel und Täler bis zu den Stränden. Das Grün bildet einen großartigen Kontrast zu den trockenen Inseln Lanzarote und Fuerteventura, die wir praktisch zum Abschied noch gesehen hatten. Wir hatten eine Reise im Staub begonnen und finden hier in der feuchten Wärme unser Ziel.

Mit guter Geschwindigkeit von knapp sieben Knoten nähern wir uns der Südspitze Martiniques. Jetzt halten wir sehr, sehr scharfen Ausguck. Nicht so sehr, weil wir die Fischerbojen fürchten, die hier wieder in größerer Zahl nach unseren Propellern greifen wollen, sondern weil wir uns auf keinen Fall von irgendeinem anderen Teilnehmer unseren sechsten Platz nehmen lassen wollen. Schon gar nicht von einer Lagoon oder einem Boot mit Kindern. Denn bisher sind wir der erste Katamaran unserer Klasse und zudem wird Mina das erste Kind sein, dass mit der Atlantic Odyssee 2014 über die Ziellinie segelt.

Aber es ist niemand zu sehen. Da unser AIS ausgefallen ist, können wir nicht sicher sein. Jeder Katamaran könnte die Neuseeländische OM oder die Australische Sephina sein. Wir wissen aus dem Positionsreport, dass sie nah sind. Gerade Antonio von der OM ist zuzutrauen, dass er hier etwas geflunkert hat, um uns zu überraschen.

Dazu scharrt Janne mit den Füßen. Denn er hofft noch, dass er gleich direkt einen Flug nach Barbados erwischt, um noch mit seinen Freunden feiern zu können.

Wir runden nun die südwestspitze und sehen bereits die weitläufige, azurblaue Anse St. Anne vor uns. Zig Boote liegen hier vor dem kleinen, bunten Dorf bei nur fünf Meter Wassertiefe vor Anker. Und die Ziellinie ist nur noch zwei Seemeilen entfernt.

Hier sollten wir uns zum ersten Mal bei der Rennleitung und dem Hafen melden. Wir versuchen es. Keine Antwort.

Wir nehmen den Parasailor runter und hissen, dem neuen Kurs angemessen, unseren Code Zero. Ein letztes Mal kommt Ingos Improvisation in der Mastspitze zum Einsatz. Das Leichtwindsegel zieht uns zusammen mit dem vollen Großsegel mit über sieben Knoten Richtung Ziel. Unser Ausguck macht es mit überzeugend vorgetragenen Halluzinationen Spannend: Da fährt doch jemand mit Atlantic Odyssey Flagge über die Linie. Oder doch nicht?

Wir nähern uns. Links und rechst sehen unsere Späher nun die Gegner. Ein Katamaran. Das muss doch die Om sein. Immer noch kein Funkkontakt.

Weiter aufs Ziel zu. Nicht ablenken lassen. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Und tatsächlich. Flaggen gibt’s hier eine ganze Menge, aber keine von der AO.

Kein Funkkontakt. Egal. Wir machen es jetzt. Etwas gebremst, da wir für den Code Zero sehr nah an den Wind müssen. Aber es klappt bis 60° scheinbaren Wind.

Und so segeln wir tatsächlich am 07.12.2014 um 14:33 UTC unter Vollzeug mit etwas über sechs Knoten über die Linie. Geschafft.

Kurze Zeit später endlich Funkkontakt mit der Marina. Der Hafen ist sehr, sehr unübersichtlich. Mitten in der Fahrrinne ankern dicke Katamarane. Überall flitzen Dingis mit todesmutigen Schiffsführern an der Pinne herum. Wir müssen uns an die Enge erstmal gewöhnen.

Am Steg dann der ganz große Bahnhof. Die Crew der Song of the Sea und weiterer Boote stehen klatschend und rufend an unserem Liegeplatz. Einige Flaschen Champagner knacken auf, es gibt ein wenig nasste Shirts aber vor allem nasse Kehlen. Ich bin nicht ganz sicher, ob sie die Überquerung oder das unfallfreie Anlegemanöver feiern. Egal. Wir sind da, wir sind sechster und wir sind glücklich.

Henrik, der Skipper der Song of the Sea bergüßt uns angemessen mit seiner Crew

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Mina erhält als erstes Kind der AO ein spezielles Willkommensgeschenk

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Es folgen eine ganze Menge Arbeit und eine ganze Menge Feiern. Aber dazu später mehr.

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