Atlantiküberquerung (28.11.2014 – 30.11.2014): Rückschläge; die Stunde der Improvisationen

Diejenigen, die sich auf der Atlantic Odyssey Website unseren
Fortschritt anschauen, haben sicher bemerkt, dass wir langsamer geworden
sind. Hier eine kurze Geschichte zu den Ursachen.

Wie jeden Morgen um 08:45 UTC klingelt der Wecker. Aufstehen, Zähne
putzen, Katzenwäsche und Ingo als Wachhabenden ablösen. Zuvor noch
schnell einen Tee für ihn und mich aufgesetzt. Es dämmert gerade erst,
also gibt’s noch ein Rührei mit Toast, gebratenen Tomaten und frischem
Rosmarin für uns.

Nach dem Snack sitzen wir gemeinsam und genießen den Sonnenaufgang.
Gerade hier, auf hoher See, eines der schönsten Erlebnisse überhaupt.
Nicht nur das feist-barocke Spiel aus Licht, satten Farben und allen
möglichen Formen, sondern auch die Gewissheit, dass die dunkle, zugige
Nacht nun verjagt ist.

Gerade starren wir gerade mit einer Tasse dampfenden Tees in der Hand in
Richtung Vorschiff, als Altytes einen kurzen aber deutlich merkbaren
Sprung macht. Dazu ein klar hörbares, trockenes Knacken. Uns war nicht
klar, was geschehen war. Wir dachten an durchrutschende Schoten (Alytes
lief mit über acht Knoten) oder eine Kollision mit etwas kleinem.
Vielleicht einer der vielbeschworenen Wale, vielleicht eine Tonne?
Hinter uns ist im Wasser nichts zu sehen. Wir machten eine kurze Runde,
ich kontrollierte die Bilgen auf Wassereinbruch. Alles in Ordnung.
Alytes segelte so gut wie zuvor. Bei weiteren Kontrollen (Mina war nun
auch an Deck) fanden wir die Ursache.

Unser Parasailor ist am sogenannten Spi-Fall befestigt. Das ist ein Tau
das vom Mastkopf ca. 1,2 Meter parallel zum Mast außen nach unten
geführt wird. Kurz über dem Punkt, an dem das Vorsegel angeschlagen
wird, ist mit einem Blech und sechs Nieten eine Umlenkrolle befestigt.
Hier kann das Spi-Fall dann nach vorn geführt werden. Die Rolle ist
schwenkbar, um seitliches Setzen des Segels zu ermöglichen. Hieran
(direkt an der Rolle) hängt normalerweise unser Parasailor.

Normalerweise. Aber nun nicht mehr. Denn das Blech, an dem die
Umlenkrolle befestigt ist, ist mit allen Nieten aus dem Mast gerissen
worden. Sie ist am Spi-Fall nach unten gefallen und hängt nun über dem
Kopf des Parasailors. Nun wird also nichts mehr parallel zum Mast
geführt. Das Vorwindsegel hängt direkt an der Rolle im Mastkopf. Wir
segeln noch sehr gut. Aber im Mastkopf gibt es keine Vorrichtung, die
ein Reiben des Spi-Falls an scharfen Kanten neben den oben sitzenden
Umlenkrollen verhindern würde. Es besteht das Risiko, das die Leine
durchgescheuert wird und das Segel (immerhin über 140 Quadratmeter
Stoff) im Wasser landet. Das wäre mit großer Wahrscheinlichkeit ein
Totalverlust.

Also runter mit dem Segel. Es ist schnell geborgen, auch wenn wir einige
Schwierigkeiten mit den Leinen und dem Stress hatten. Dazu später
vielleicht mehr.

Es zeigt sich aber, das die Entscheidung richtig war. Das Spi-Fall ist
an der Stelle, an dem es aus dem Mast kam, bis auf die sog. Seele des
Taus durchgescheuert. Die Bruchlast war bereits stark vermindert. Nur
fürs Gefühl: Der Parasailor zieht mit etwa sechs Tonnen Kraft an den
beteiligten Komponenten unseres Riggs.

Wir setzten zunächst unsere Genua (das normale Vorsegel) und lassen uns
vom Wind ein wenig treiben. Nur fünf Knoten. Und dann denken wir in der
Gruppe über Reparaturmöglichkeiten nach. Ideen werden ausgetauscht.
Ingos Erfahrungen sind Gold wert. Auch die Teilnahme an einer
Demonstration mit den Leuten von ISTec, dem Hersteller des Segels. Denn
diese empfehlen, das Spi-Fall zu schützen. Mit einer Scheibe oder einem
Gummiball.

Am Ende entscheiden wir uns für eine Improvisation, die eine Scheibe
vorsieht. Wir führen den Parasailor nun direkt im Mastkopf. Vor einem
Sicherungsknoten sitzt eine Plastikscheibe, die Ingo unter heldenhaften
Einsatz von Blut und Schweiß aus der defekten Umlenkrolle gefräst und
geschnitzt hat. Es folgen Testläufe von je einer Stunde. Der erste geht
schief, das Spi-Fall zeigt deutliche Schäden vor der Scheibe. Ingo
entfernt noch einen Grat. Zweiter Versuch. Wieder Schäden am Fall.
Diesmal haben Abweisebleche neben den Rollen im Mastkopf zum Problem
geführt. Wir hatten die Scheibe nicht dicht genug geholt. Sie muss
bewegungslos sitzen. Bei jedem Test verlieren wir etwa 40 – 50
Zentimeter vom Spi-Fall. Das wird langsam kurz. Wir haben nur noch einen
Versuch.

Die Manöver sind anstrengend. Janne, Ingo, Heide und ich, alle packen
mit an.

Also eine letzte Revision. Die Scheibe ist nun glatt wie ein Baby-Popo.
Wir sichern zudem das Fall davor mit selbstvulkanisierendem Gummiband.
Es wirkt wie ein weicher Keil vor der Scheibe und verhindert weitere
Bewegung. Wir achten mit Argusaugen darauf, dass sich im Mastkopf beim
dritten Versuch nichts mehr bewegt. Eine Stunde starrt zumindest einer
von uns auf dem Rücken liegend kontinuierlich mit dem Fernglas in den
Mast. Sonnenbrand und Nackenstarre. Egal. Das Spi-Fall ist bretthart
durchgesetzt die Scheibe liegt fest an.

Als wir es herunterholen große Erleichterung: Keine Schaden an Scheibe,
Tau oder Gummi. Letzteres ist eingedrückt. Das zeigt aber nur, dass es
seinen Dienst tut.

Nach 24 Stunden ist der Parasailor weitgehend wieder im Rennen. Und wir
auch. Zur Sicherheit werden wir ihn nur bei Windgeschwindigkeiten unter
20 Knoten fahren. Aber er ist oben und Alytes zieht wieder mit über
sieben Knoten durch den westlichen Atlantik. Alle Lorbeeren gehen an
Ingo, dessen handwerkliches Geschick entscheidend war.

Zur einsetzenden Dämmerung die Angel nochmals raus. Stressfrei ohne
fetten Wobbler nur mit zwei kleinen Plastiktintenfischen. Einer so
richtig schön Disko, mit Glitzer und Phosophoraugen, einer
grünlich-realistisch. Keine zwanzig Minuten später ein Biss. Janne ist
als erster vor Ort und nimmt den Kampf auf. Fisch-Gin, Haken, Netz und
Messer liegen bereit. Ein guter aber kurzer Fight und hinter unserem
Boot zappelt ein 1,70 Meter Segelfisch am Haken. Janne zieht in an der
Leine hoch, ich packe ihn. Ingo und Heide spritzen abwechselnd vom
besten Bombay Saphire Gin (der billige ist uns ausgelaufen) ins Maul und
hinter die Kiemen. Er zuckt und starrt uns aus großen, schönen,
hellblauen Augen an. Dann wirkt die Behandlung und er entschwindet in
hoffentlich angenehmen Rausch.

Was für ein Tag! Wir feiern die Reparatur und den Fang mit Bier, Wein,
frischen Brötchen, karibischem Kohlsalat und Würstchen vom Grill. Alle
sind glücklich und gesund (das nur für die ängstlichen Leser ;-). Den
Fisch gibt’s morgen.

Zitat des Tages:
„Lass mal. Mit dem Blut kann ich die Scheibe viel besser in der Hand
fixieren“
-Ingo beim Freihandschnitzen mit Stechbeitel und Plastikrolle

3 Gedanken zu „Atlantiküberquerung (28.11.2014 – 30.11.2014): Rückschläge; die Stunde der Improvisationen

  1. Jørn

    Ihr seit großartig! Ich schlage vor, die Artikel nur auf Zitate, wie das letzte von Ingo zu reduzieren. Dann hat die Fantasie noch mehr Spielraum 😉

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  2. Thomas aus München

    Liebe Alytes-Crew,

    das ist ja der Ausbund an Seemannschaft, den Ihr da mit der Reparatur des Spi-Falls bewerkstelligt habt. Da ist doch der liebe Ingo mal wieder über sich hinausgewachsen, genau so wie wir ihn kennen von der Reparatur der Kaffeeküche auf der letzten Tour…Hoffentlich hat Ingo nicht das ganze Deck mit seinem Blut vollgekleckert, so dass wir da demnächst immer drübersteigen müssen und daran erinnert werden, dass hier ein „Super-Frickler“ fast sein Leben gelassen hätte. Und habt Ihr ihm noch eine Spritze gegen Wundstarrkrampf reingejagt? Damit er durchkommt bis in die Karibik…..Bewunderung an Euch alle!
    Wir freuen uns natürlich, dass Ihr jetzt nach der Reparatur wieder mit gebremstem Schaum bis 20kn vom Ballon Gebrauch machen könnt. Mir gefällt aber auch Heides Einstellung: „Ihr seid Segler“. Da müßt Ihr das nehmen, was der Wind anbietet und das Schiff hergibt. Jetzt müßt Ihr jetzt eben etwas vorsichtiger ran!!!! Ich weiß, insbesondere schwer für Fritze, aber auch nicht schlecht, dass die fehlende Entschleunigung, die Du beim Ablegen noch so beklagt hast, auch wirklich eintritt und vol greift, wenn Ihr in Sonne, Palmen, Strand so richtig dazu verdammt seid, zu chillen. Ihr Armen! Mensch, da tut Ihr uns richtig leid. Wir, die wir euch nur aus der Ferne verfolgen können. Wir können mit Eurem reduzierten Speed an Land gut leben! Hauptsache, Ihr kommt ohne Bruch sicher an. Wir bewundern Euch eh für Euren tollen Platz im Feld (nach heutigem Tracker bin ich auf Platz 7 gekommen).
    Ganz, liebe Grüße, macht so weiter, habt Spaß zusammen und riskiert nicht zu viel. Wir verfolgen Euch alle mit Freude und warten auf neue Nachrichten,
    Thomas aus München

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