Eine Stilblüte Europas: Gibraltar

Wir fahren Gibraltar gegen 16:00 Uhr an. Bevor wir die Bucht erreichen, schleichen wir durch ein Feld schlafender Riesen und hören Echos des wohl absurdesten europäischen Konfliktes im Funkgerät.

Wir laufen in Marbella schon gegen 07:00 Uhr aus. Die Zugangskarten für den Ponton geben wir um Halb bei einem verschlafenen Marinero ab und bekommen unsere 20 USD zurück, die man hier netterweise als Pfand akzeptiert hat.

Die Überfahrt ist eher unspektakulär. Denn uns bläst ein stetiger Westwind entgegen und macht jedes Segeln unmöglich. Normalerweise hätten wir auf besseres Wetter gewartet, doch Marbella ist so hinreißend uninteressant, dass wir lieber Meilen machen wollen. Wir halten uns recht nah unter der Küste, um nicht den bräunlichen Neben der Schifffahrtsstraße atmen zu müssen. Hier sammeln sich die Tanker, Frachter, Hochseeschlepper, Kreuzfahrt- und Spezialschiffe aus dem gesamten Mittelmeer. Aus allen Richtungen konvergieren die Kurse auf das Nadeloer zwischen „den Säulen des Herkules“. Der Schwerölsmog im Süden sieht nicht nach Freude aus.

Gegen 14:30 nähern wir uns dem Affenfelsen. Ein großartiger Anblick. Vor dem aus dem Mehr gekippten Plateau liegen sicher zwanzig , dreißig Großschiffe. Das hört sich nicht nach viel an. Aber sie sind zwischen zwei- und dreihundertfünfzig Meter lang, dabei gern über vierzig breit. Wir müssen mit unserer Alytes (11,97 m lang, 7,25 m breit) hier durch. Bedrohlich ragt steuerbords der Bugwulst eines Tankers auf. Auf Backbord lesen wir am Heck eines LPG-Transporters „Beware of the Propeller“. Das Schiff ist unbeladen und der Propeller ist tatsächlich sichtbar. Ruhend zwar, aber die Warnung hätte man sich sparen können. Das AIS gibt uns Auskunft, dass alle vor Anker liegen. Nachdem uns das gleiche Gerät schon eine Fähre als „vor Anker liegend“ gemeldet hatte, die mit 18 Knoten auf Kollisionskurs zu uns war, sind wir etwas misstrauisch.IMG_2221

Wir kommen hindurch. Unter dem Felsen begrüßt uns ein spanisches Zollboot. Eine schnittige Rodman 55. Im Funkgerät meldet sich eine freundliche, weibliche Stimme in weichem Oxfordenglisch „Spanish vessel; spanish vessel, you are currently in Gibraltar waters without permission. Please leave the Gibraltar territory immediately to comply with UN blabalbbla …“. Wir sind absolut perplex. Die Nachricht werden wir noch häufiger hören. Vermutlich kommt sie vom Band und wird immer dann abgespielt, wenn sich ein Schiff der spanischen Krone in den Gewässern befindet, die die britische Krone für sich beansprucht. Ich erinnere mich, wie ähnliche Sandkastenstreitereien im letzten Jahr dazu geführt hatten, dass der britische Premier die EU-Kommission um Hilfe gebeten hat, da die Lage „unerträglich eskaliert“ sei.

Da verwenden zwei europäische Staaten auch nur einen Euro Ressourcen um einen Konflikt aufrecht zu halten, der bereits seit dem 18 Jahrhundert im Frieden von Utrecht beigelegt sein sollte. Statt die gemeinsamen Interessen (Kontrolle über die Straße von Gibraltar, nachvollziehbar) im Europäischen Kontext zu koordinieren und wahrzunehmen so ein Quark. Es wird hier, an den Rändern deutlich, wie weit der Weg zu einem pragmatisch geeinten Europa noch ist.

Trotz allem, oder vielleicht deswegen, sind wir froh, in der Queensway Quay Marina einzulaufen. Der Empfang ist professionell britisch. Der kleine Hafen ist großartig. Wir machen direkt an einer Lounge-Bar fest, fallen von Bord und trinken ein paar Pimms mit Gurke und allem was dazu gehört.

Die Stadt ist kurios. Die Architektur mischt Kolonialstil mit militärischen Zweckbauten mehrerer Jahrhunderte. Städteplanerisch ist die Enge eine Herausforderung. Das Städchen zwängt sich zwischen den Affenfelsen, die spanische Grenze und das Meer.

Wir absolvieren das übliche Programm: Um die grandiose Aussicht auf Europa, die Wasserstraße und Afrika zu erleben, nehmen wir die Seilbahn auf den Fels. Wir klettern zwischen alten Bunkern und kleinen Beobachtungsposten herum und sehen die ersten der Berberaffen. Die interessieren sich für uns so viel wie für die Betonfugen zwischen den verfallenen Gebäuden. Wir haben nichts zu essen dabei.IMG_2396

Den Rückweg nehmen wir zu Fuß und laufen durch wunderschöne, raue Natur, Reste der Verteidigungsanlagen, zwischen Kanonen und Schachteingängen zurück in die Stadt.

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Mina und ich werden Gibraltar zwei Tage später nochmal von La Linea besuchen, um einen Stempel für den Pass zu bekommen. Wir wollen auch über die wohl einzige Grenßstraße Europas zu laufen, die über eine Landebahn führt, die täglich in Betrieb ist. Wir haben das Glück, das tatsächlich vor unserer Nase eine kleine BA-Maschine startet. Für den Fußmarsch belohnen wir uns mit einem Guiness und einer Fanta auf dem Boden der Queen. Kleiner Grenzverkehr.

3 Gedanken zu „Eine Stilblüte Europas: Gibraltar

  1. Daniela

    Lieber Fritze, ein großartiger Blog. Es macht riesen Spaß so eure Reise zu begleiten und man bekommt tolle Eindrücke. Ganz herzliche Grüße Daniela

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    1. AlytesSkipper Beitragsautor

      Hallo Liebe Daniela,
      vielen Dank für das liebe Feedback! Ich hoffe, Euch geht es prima! Vermisse die Truppe im schönen DUS!
      Macht das beste aus dem Herbst,
      ganz herzliche Grüße an alle,
      Fritze

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  2. Torsten

    Hey. Ich meine: ahoi!

    Eure Berichte lesen sich super! Macht wirklich Spaß, so auf dem Laufenden zu bleiben und Euch „lesend“ zu begleiten.

    Freu mich schon auf die nächsten Geschichten!

    Lg*Torsten

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