Holy Shit – Ein Akrophobiker auf dem Mast

Als frisch gebackene „Langfahrtcrew“ achten wir aufs Budget. Und natürlich überlässt man die Installation der Iridium-Antenne nicht dem gefühlt überteuerten spanischen Werftelektriker. Aber die Antenne geht auf etwa 20 Meter Höhe. Und mich plagt ein gewisses Unbehagen gegenüber größeren Höhen.

Leider stellte sich auf der ersten Überfahrt von Alytes heraus, dass wir einige Probleme mit der Funkausrüstung haben. Zum einen verfügen wir über nutzlose Geräte wie ein auf Europa beschränktes Wetterfax, zum anderen schien unser AIS – Ein System mit dem man bis auf große Entfernung gerade schnelle Berufsschiffe erkennen kann – nur Ziele im Umkreis von ca. zwei Seemeilen zu erfassen. Da das AIS auch die Antenne des UKW-Funkgerätes verwendet, gingen wir davon aus, dass es auch die Funkanlage nicht die notwendige Reichweite haben würde.

Das von uns geplante Iridium-Satellitentelefon hatte zudem noch keine Mastantenne.

Der Plan war also, das Kabel des Wetterfaxes für das Iridium-Telefon zu recyceln. Um die UKW-Probleme sollte sich im Zweifel ein Profi kümmern (vielleicht war es ja ein Problem am Gerät).

Also rauf auf den Mast. Und da Heide über Antennen nicht die vier Websites gelesen hat, die ich hinter mir hatte (ansonsten habe ich keine Ahnung von Hochfrequenztechnik), war der Steiger schnell gefunden. Es gibt allerdings einen kleinen Haken: Meine – sagen wir – gewisse Unbehaglichkeit mit Höhen.

Ob meine vergangenen Selbstheilungsversuche gewirkt haben, sollte sich nun zeigen. Mit gewissem Unbehagen stieg ich in den BMS Bootsmannstuhl. Übrigens ein ausgezeichneter Ausrüstungsgegenstand und mit Beinschlaufen, Gürtel sowie Schulterhalter kein Vergleich zu den wackeligen, rissigen Versionen auf Charterbooten. Meine Beine waren etwas wackelig. Es war mit vier Stärken recht windig. Hatte einen verdammt trockenen Mund.

Heide macht noch den Buddy-Check. Alles in Ordnung, in zwei Minuten sollte ich am Großfall in 20 Metern hängen.

Das Fall war in den vergangenen zwölf Monaten in der versandeten Sonne Afrikas gebacken worden. Heide wirft das knochenharte Tau über die Elektrowinsch und gibt Strom. Die Flaschenzugrolle vor meiner Nase macht schabende, sandige Geräusche. Die Schäkel wimmern leise, knarzend auf. Ich bemühe mich, nicht das gleiche zu tun und versuche, so gut es geht, den LazyJack-Leinen auf dem Weg nach oben auszuweichen.

Ich hänge im Bootsmannstuhl. Der ist über zwei Schäkel am Großfall befestigt, das läuft über eine Umlenkrolle im Masttop wieder nach unten. Tritt aus dem Mast aus wird unten durch einen Halteblock geführt. Dann noch die Winsch und Heide. In 15 Metern höhe kommen mir Gedanken zu Vertrauen und einer guten Ehe. Hatten wir noch irgendwelche Leichen im Keller?

Der Mast unserer Altes ist recht stark nach hinten gebeugt. Unten greife ich alles, was mich in der Nähe des Aluminiums hält. Weiter oben geht es einfacher. Plötzlich ein Knack. Die Flaschenzugrolle des Falls war gegen die Umlenkrolle im Mast gestoßen, die E-Winsch zerrte noch. Aber Heide war auf der Hut und schaltete ab.

Jetzt etwas fieren. Wie oft hatte ich schon den Halteblock geöffnet und vorher das Tau nicht sauber auf der Winsch belegt? Heide war hoffentlich sorgfältiger. Zur Sicherheit klammere ich mich mit beiden Beinen um den Mast, mit den Händen greife ich rechts die Steuerbordwant und links das Spi-Fall. So könnte ich zumindest zwei Minuten hängen. Ein kurzer Ruck und wieder Sicherheit. Alles gut. Meine Beine zitterten. Ich schaute runter und gratulierte Alfred Hitchcock still zum gelungenen Vertigo-Effekt. Die Kombination aus Zoom und Kamerafahrt scheint mein Hirn auch zu beherrschen. Ruhig durchatmen. Arbeiten. Zunächst ein paar Fotos. Wollte ja erstmal ein Bild der Lage. Das iPhone war verdammt glatt. Und man konnte es auch nicht in der gewohnten Position halten. Und den Auslöser finden, ohne hinzusehen ist beim Touchscreen auch nicht einfach. In den Handgelenken hatte sich auch diese Weichheit breitgemacht. In einem Handgelenk. Mittlerweile merkte ich, dass das andere eher verkrampft war. Denn meine linke Hand krallte sich noch mit aller Kraft am Spi-Fall fest. Mann Alter, entspann Dich. OK. Loslassen. Geht.

Jetzt die Fotos. Geht auch, ist aber zittrig. Dieses glatte iPhone macht mich fertig. Auslösen geht mit dem Daumen. Aber den brauche ich auch zum Festhalten. Irgendwann habe ich, so denke ich, die Situation im Mast von allen Seiten fotografiert. Und ein Panorama. Und das obligatorische „unser Boot von oben“.

Alytes_Masttop1

Alytes_Masttop2

 

Nur runter jetzt.

Heide und ich sind gut eingespielt. Aber nun muss sie mich runterfieren. Von Hand, den ganzen Weg. Hintersichern geht nicht. Erst die Winsch belegen, dann den Block öffnen. Hoffentlich keine Ablenkung. Noch Leichen im Keller? Jetzt keine Tochter, die sich unten in die Finger schneidet oder von der Treppe fällt oder, oder, oder.

In kleinen Rucken geht es abwärts. Den Lazy-Jacks ausweichen. Aufkommen. Raus aus dem Stuhl. Fertig. Wirklich.

Kein Zuckerschlecken. Aber was hat geholfen, das zu meistern? Zumal es bei mir Situationen in den Bergen gab, in denen ich partout einige Pfade nicht erwandern konnte (gerne die mit dem Berg links und der 200 m Steilwand rechts). Statt dessen hyperventilierend an die Bergwand gepresst.

Zum einen der hervorragende Bootsmannstuhl. Wie auch ein gutes Klettergeschirr nimmt das Gefühl der robusten Sicherung die Angst. Die Kombination aus verstellbaren Beingurten, Gürtel und Schultergurten (etwa wie bei einem Rucksack) verhindern jeden ernsthaften Gedanken an ein Herausrutschen. Das ist für mich wirklich wichtig. Denn die Ängste des Kontrollverlustes sind so sicher eingedämmt.

Dann die Vorbereitung. Mich plagt dieses Unwohlsein seit den Teen-Jahren. Seit einigen Jahren übe ich die Höhe. Leitern, Baumhaus bauen, Fallschirmspringen (war erstaunlicherweise einfach), Klettern. Noch immer ist die Angst da. Vor allem in ungewohnten, umroutinierten Situationen. Aber das Gefühl kann „weggeübt“ werden und Routine hilft ungemein.

Last not least ein verlässlicher Partner. Heide ist sorgfältig und wir vertrauen uns. Wir haben vom Klettern zudem ein einfaches Kommando-System übernommen. Es gibt nur kurze, einfache Anweisungen: Hoch, runter, stop. Nix sonst. Es wird sonst auch nicht geredet oder geschrien. Und der Partner unten denkt mit.

Die Kombination aus Teamwork, Übung und guter Ausrüstung bringt also auch einen Höhenängstlichen in den Mast. Die erste Antenne ist übrigens schon ausgebaut, nun muss noch ein neues Kabel gelegt werden (das alte ist durchgescheuert) und die richtige Antenne montiert werden. Also noch zwei Ausflüge. Alles wird gut…

 

 

17 Gedanken zu „Holy Shit – Ein Akrophobiker auf dem Mast

    1. AlytesSkipper Beitragsautor

      Aaalllter Schwede!
      Da kriege ich schon am Screen den absoluten Horror. Was für eine Hölle, was für Wahnsinnige 😉
      Was macht das Dreiländereck? Was machen die lieben Tierchen? Schon da?
      Herzliche Grüße auf diesem Wege,
      Fritze

      Antworten
  1. Inka

    Hallo,Ihr Lieben! Tolle Fotos…tolle Berichte! Ich wünsche Euch weiterhin viele einmalige Augenblicke! Bei uns laufen die Hochzeitsvorbereitungen und Zusammenziehplnungen-/Arbeiten auf Hochtouren. Alles Liebe für Euch! Inka

    Antworten
    1. Heide

      Hallo Inka, schön von Dir zu hören! Wie ich erfahren habe, ist bei meiner Mutter eine Einladung für mich für Eure Hochzeit eingegangen? Vielen Dank!! Wir werden dann aber wohl bereits auf dem Atlantik die Kanaren unsicher machen. Daher wird es nicht klappen, dass ich/wir kommen. Ich drück Euch für die Vorbereitungen die Daumen. 😉

      Antworten
  2. Holger

    Einige Respektpunkte, lieber Fritze. Ich dachte, Du bist schon auf dem Atlantik im dunklen Zweireiher mit Goldknöpfen unterwegs und läst die Frauen segeln. Kommt dann ja aber bald….
    Gute Reise! Holger

    Antworten
    1. AlytesSkipper Beitragsautor

      Der Zweireiher liegt schon gebügelt parat. Muss aber noch hineinwachsen, zur Zeit fehlen mir noch etwa zehn Punkte auf dem BMI. Bei der schönen Frito-Küche auf dem spanischen Festland eine Frage der Zeit.
      Herzliche Grüße noch DUS (oder noch NYXC?),
      Fritze

      Antworten
  3. achim

    Hallo Fritze,
    die Aktion zollt meinen höchsten Respekt!!! Im Urlaub hatte ich im Kletterwald nach dem 1. Pacours (4-5m Höhe) die Faxen dicke und habe aufgegeben. Was meine beiden Frauen jetzt von mir denken, die auch noch den 2. gemeistert haben, möchte ich gar nicht wissen.
    Freuen würde ich mich, wenn Du auch nach den 2 Jahren noch das Vertrauen zu Heide hast und wieder zum Demontieren in den Mast steigst.

    Liebe Grüße
    Achim

    Antworten
  4. Norma

    Hui! Da wird mir allein beim Bild schwindelig!

    Chapeau mein Lieber! Sehr schöne Perspektive, aber wo war Heide??!

    Könnt Ihr für uns Blindfüchse mal bitte Eure ganzen Fachtermini verständlich übersetzen?! Sonst kann ich mir so schlecht ein Bild machen.

    LG
    Norma & family

    Antworten
  5. Manfred Kröger

    Eine überzeugene Schiff – Draufsicht aus 20m Höhe . Die erste Lektion als “ Höhen – Kletterer/Retter “ wurde mit bravur absolviert . Gratulation !!! Ich frage mich allerdings : weshalb man für ein Iridium SAT-Handsprechfunkgerät eine Hochantenne benötigt ? Anm. Abstrahlbedingung : als Faustregel gilt die geballte Faust bei waagerecht ausgestrecktem Arm. Die Höhe der geballten Faust entspricht ungefähr dem Höhenwinkel von 8,2°. Kein Objekt darf höher als die geballte Faust zum Himmel ragen ( Wikipedia )
    Weiterhin viel Erfolg beim ausrüsten , wobei eine Heißklebepistole und kräftige/lange Kabelbinder nicht fehlen sollten .
    Manfred

    Antworten
    1. AlytesSkipper Beitragsautor

      Liebe Manfred,
      das sind die Momente, wo ich mir den HF-Spezialisten schon an Bord gewünst habe! Du hast völlig recht, die Höhe braucht die Satellitenantenne nicht. Aber ich war der Auffassung, dass ich so einfach ohne weitere Anbauten an mein Sat-Telefon komme (das Kabel schien ja schon da).
      Nun machen wir ohnehin alles anders. Wir verzichten auf den Antennensplitter. Im Mast haben wir dann zwei Antennen, eine für das UKW-Funkgerät und eine dedizierte für das AIS. Am Heck gibts die imposante 7,30 m – Peitschenantenne für die Kurzwelle und den „Satallitenpilz“ auf einer 2m-Stange.
      Und bei schönem Wetter hängen wir noch unsere 2,4 GHz- WLAN- Antenne mit ordentlichem Verstärker raus. Damit habe ich mich schon in ein 2 SM entferntes WLAN eingewählt. Nicht schlecht.

      Dir alles Beste,
      viele Grüße,
      Fritze

      Antworten
      1. Manfred Kröger

        Hallo ihr lieben Weltenbummler , als ehemaliger Amateurfunker
        (DJ5LT) interessiert mich eure SSB KWellen Sende/Empfangsanlage doch noch etwas . Hat einer von euch eine Amateurfunklizenz erworben , oder sendet ihr auf speziellen Seefunkfrequenzen ?
        In Thailand wohnt ein früherer RB-Kollege (Horst Liebetrau,kommt
        aus Oldenburg) Rufzeichen HS 0 ZFK . Der trifft sich jeden Dienstag
        15:30hMESZ auf KW 20m Band 14305 MHz in SSB , weltweiter Rundruf ( CQ ) , in einer “ Deutschen Runde“ . Die 7.5m Vertikalantenne auf dem Boot/Wasser schafft gute KW Voraussetzungen . Es ist sinnvoll jedes Funkgerät mit einer eigenen Antenne zu betreiben und optimal anzupassen , dass ergibt die geringsten Verluste.
        Weiterhin erlebnisreiche Tage in Spanien , aus dem herbstlichen Oldenburg grüßt euch euer Manfred

        Antworten
        1. AlytesSkipper Beitragsautor

          Hallo Manfred,
          das sind ja spannende Nachrichten.
          Leider habe ich keine AFU-Prüfung mehr abgelegt. Ich habe mir brav die Literatur zugelegt, aber am Ende habe ich die Zeit nicht gefunden alles durchzuarbeiten. Schade um die ganz legal nicht zu verwendenden Frequenzen. Auch scheint mir die AFU-Szene lebendiger als die Seefunker (hört man selten am Abend).
          Du selbst hast keine Anlage mehr im Betrieb? Die von Deinem Kollegen verwendete Frequenz ist m.E. auch eine AFU-Frequenz, keine vom Seefunk. Bin nicht ganz sicher, wie päpstlich die AFUS so sind, wenn man auf sich auf Ihren Frequenzen meldet (noch dazu, wenn man den Szenetypischen Jargon nicht drauf hat…).
          Ich höre hier immer mal wieder einer Truppe namens „Skipperwelle“ zu. Ebenfalls AFUs, die aber auch Segler sind. Speziell der Kollege aus dem Frankenland sendet auf 14.313 (10 und ich glaube 18:00 Uhr UTC) mit erstaunlich klarem Signal. Die üblichen Funkrunden im Mittelmeer (Segler mit Long Range Certificate) sind leider immer ohne Teilnehmer.
          Nun ja, wenn Du Lust und Möglichkeit hast, können wir ja mal versuchen per SSB zusammen-zukommen.
          Was meinst Du?
          Herzliche Grüße,
          Fritze

          Antworten
  6. Moritz

    Hallo ihr Kletterer,

    bitte schön aufpassen bei den nächsten beiden „Gängen“ in den Mast.
    Auch wenn das Foto von oben zumindest für den Forums-Gast aus der Ferne sehr lohnenswert ist.

    Liebe Grüße
    Moritz

    Antworten
    1. AlytesSkipper Beitragsautor

      Jaja,
      jetzt habe ich auch mal einen Profi aufsteigen sehen. Und gleich ein paar gute Tricks abgeschaut. Zum Beispiel ZWEI Knoten machen, damit man nicht gleich runterplumpst, wenn ein Schäkel bricht…

      Wir passen gut auf ;-).
      Liebe Grüße,
      Fritze

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.